Kilos verlieren, Lebensqualität gewinnen!

Navigation
Anmelden

Was tun, wenn Bewegung beschwerlich wird? Prof. Univ. Doz. Dr. Martin Friedrich

Übergewicht belastet die Gelenke und Gelenksbeschwerden beeinträchtigen das Bewegungsausmaß. Wenig Bewegung fördert wiederum die Gewichtszunahme und damit die weitere Verschlechterung der Gelenke. Wie man aus diesem Teufelskreislauf ausbrechen kann, erklärt Prof. Friedrich.

Autor: Andrea Färbinger

Veröffentlicht: 03.10.2012 | 00:00

(© Jenny Sturm - Fotolia.com)
(© Jenny Sturm - Fotolia.com)

 

Übergewicht kann also, neben anderen Faktoren, als echter Risikofaktor für die frühzeitige Entstehung und das Fortschreiten von degenerativen Gelenkerkrankungen (Arthrosen) angesehen werden. Das Risiko, an einer Arthrose zu erkranken, steigt mit dem BMI von über 25 auf etwa das Drei- bis Vierfache an.

Andere begünstigende Faktoren sind höheres Alter, weibliches Geschlecht, verringerte Knochendichte, starkes Rauchen, insbesondere aber Gelenksverletzungen und Deformitäten, berufliche Belastung, Ausübung von ungeeignetem Sport und Muskelschwäche. Übergewicht hat umso schwerwiegendere Konsequenzen, je früher es auftritt. Auch nach Operationen, z.B. Meniskusentfernungen, kommt es bei Übergewichtigen zu stärkeren Knieschmerzen und größeren Beeinträchtigungen im Alltagsleben, als dies bei Nicht-Übergewichtigen der Fall ist.

Wir beobachten es, wir spüren es, und zahlreiche wissenschaftliche Studien belegen es: Übergewicht führt zur Überlastung des Bewegungsapparates, insbesondere der tragenden Gelenke (das sind Hüft-, Knie-, Sprung- und Wirbelsäulengelenke) sowie der Bandscheiben. Aber nicht nur das Gelenk selbst ist betroffen. Es kommt auch zur Überlastung von Bindegewebsstrukturen wie Sehnen- und Muskelansätzen und Bändern.

Das Kardinalsymptom all dieser Überlastungen ist der Schmerz. Der Schmerz führt wiederum zur Schonung bis hin zur völligen Immobilisierung einer Körperregion oder des gesamten Körpers. Bewegungsmangel und körperliche Inaktivität verschlechtern aber sehr rasch die Situation. Sie führen zum so genannten „Dekonditionierungssyndrom“. Dies ist eigentlich ein Zustand der Muskelschwäche und Gelenksinstabilität, den der Körper versucht durch vermehrte Anspannung auszugleichen, was sich als Verspannung und gleichzeitig als Bewegungsunsicherheit oder Bewegungslosigkeit bemerkbar macht. Bewegungsmangel verstärkt somit die Beschwerden einschließlich der Schmerzen weiter. Damit schließt sich ein Teufelskreis. Unbeweglichkeit und Schmerzen werden nun zum großen Hemmschuh der körperlichen Aktivität und damit der Gewichtsabnahme.

Denn neben der Ernährung ist regelmäßige Bewegung die zweite Säule der Gewichtsreduktion. Es gilt also, besonders die Bewegungsfähigkeit wieder herzustellen. Dazu ist zu Beginn des Bewegungsprogramms häufig eine ausreichende Schmerztherapie die Voraussetzung. Mit dieser ist man in der Lage, den Teufelskreis zu durchbrechen und mit einem Mehr an Bewegung die Bewegungsfähigkeit wieder herzustellen, die Gewichtsabnahme zu fördern und damit die Beschwerden und das Fortschreiten von Beschwerden des Bewegungsapparates weiter zu reduzieren.

Henne oder Ei?

Was kommt zuerst, die Gelenkschäden oder das Übergewicht? Einige Studien geben darauf eine klare Antwort: Das Übergewicht besteht lange bevor Gelenkschäden zu bemerken sind. Stig Sonne-Holm belegte, dass Übergewicht bereits in der Zeit vor der Kniegelenkdegeneration besteht und daher also nicht das Ergebnis verminderter Aktivität wegen Kniebeschwerden ist. Die gleichen Autoren fanden auch in einer Langzeituntersuchung an 4151 Personen, die sich über 27 Jahre erstreckte, heraus, dass das Risiko einer operationsbedürftigen Hüftgelenksarthrose vom BMI (Body Mass Index) beeinflusst wurde.

Nicht nur das Knie!

Neben den Kniegelenken sind auch noch eine ganze Reihe anderer Gelenke betroffen, etwa das Hüftgelenk. Übergewicht ist ein Risikofaktor dafür, einmal einen Hüftgelenksersatz erhalten zu müssen. Und wie nicht anders zu erwarten, sind bei Übergewicht oft gleich beide Hüftgelenke betroffen. Auch Kreuz-, Lenden und Ischiasschmerzen sind häufiger bei Übergewichtigen festzustellen als bei Normalgewichtigen. Weitere Veränderungen, die beschrieben wurden, sind Verschmälerungen der Wirbelzwischenspalten.

Bemerkenswert ist, dass auch die nicht gewichtstragenden Gelenke bei Übergewichtigen häufiger arthrotische Veränderungen aufweisen, etwa eine Handgelenksarthrose und degenerative Schulterveränderungen. Aus diesem Grund kann man annehmen, dass nicht nur die Überbelastung auf die Gelenke wirkt, sondern auch ein Stoffwechseleffekt an der Gelenksschädigung mitbeteiligt ist.

Die Folgen und Kosten

Die Inaktivität, die durch die Arthrose verursacht wird, hat fatale Folgen. Beim Knochen führt Inaktivität zur frühzeitigen Osteoporose und damit erhöhten Brüchigkeit. In der Muskulatur führt Inaktivität sehr rasch zum Muskelschwund (auch Muskelathrophie genannt), und am Sehnenbandapparat führt sie zu vermehrter Verletzungsanfälligkeit für Überdehnungen und Risse.

In Deutschland wurden 1997 für Gelenks- und Knochendegenerationen (Arthropathien und Osteopathien) direkte Kosten in Höhe von 0,47 % des Bruttosozialprodukts errechnet, wodurch die volkswirtschaftliche Bedeutung dieser Erkrankung belegt wird. Die meisten Studien existieren hinsichtlich des gehäuften Auftretens von Kniegelenksarthrosen bei Übergewicht. Für jedes Pfund Gewichtszunahme steigt die Gesamtbelastung auf das Kniegelenk im Einbeinstand um zwei bis drei Pfund.

Was tun, wenn man seine Mobilität verloren hat?

1. Gewichtsreduktion

Viele Studien belegen, dass die Beschwerden bei einer bestehenden Arthrose und bei gleichzeitigem Übergewicht alleine schon durch Gewichtsreduktion verbessert werden können und das Fortschreiten verlangsamt werden kann. Nun ist neben der geeigneten Diät regelmäßige Bewegung eine der Säulen der Gewichtsreduktion. Die Framingham-Studie ergab, dass Frauen, die im Schnitt 11 Pfund an Gewicht abnahmen, ihr Risiko für eine Kniegelenksarthrose etwa um 50 % senken konnten.

Es sind daher geeignete Abnehmpläne notwendig, die auch die individuelle Situation eines Patienten berücksichtigen und sich über einen ausreichenden Zeitraum erstrecken, um den Jo-Jo-Effekt durch zu rasche Gewichtsreduktion zu vermeiden. Dabei muss man sich bewusst sein, dass nur ein gezieltes regelmäßiges Programm Erfolg verspricht. Zu einer gezielten Ernährungsumstellung muss auch die Förderung der körperlichen Aktivität kommen. Dabei sollen die individuellen Möglichkeiten genützt werden. Walking ist für den Übergewichtigen mit Gelenksproblemen meist realistischer als Jogging. Dies macht klar, dass nicht so sehr der kalorienverbrauchende Effekt im Vordergrund stehen kann als vielmehr die Erhaltung und Wiedergewinnung der Mobilität und eine verbesserte Koordination und damit die Beseitigung des zu Beginn beschriebenen „Dekonditionierungssyndroms“, d.h. zum Abbau von Schwäche, Verspannungen und Schmerzen. Die Bewegungstherapie in diesem Umfang reicht jedoch als alleinige Maßnahme für eine wünschenswerte Körpergewichtsreduktion bei stark Übergewichtigen nicht aus.

Wie positiv sich eine Gewichtsreduktion auf Patienten mit Kniegelenksarthrose auswirkt, konnte Christensen mit einer Studie an 80 Gonarthrosepatienten im durchschnittlichen Alter von 62 Jahren und einem BMI-Durchschnittswert zu Studienbeginn von beinahe 36 kg/m² zeigen. Auf eine Gewichtsreduktion von 10 % folgte dabei die Verbesserung der Kniegelenksfunktion um 28 %. In einer weiteren Studie wurden Übergewichtige untersucht, die eine chirurgische Therapie ihrer Fettleibigkeit erhielten. In dieser Studie führte die Gewichtsabnahme zur Rückbildung von radiologischen Frühveränderungen im Kniegelenk und bestätigt damit die wichtige Rolle, die eine Gewichtsreduktion für eine positive Entwicklung der Arthrose hat.

2. Nicht belastender Sport

Bewegung, die unter Entlastung der Gelenke ausgeführt wird, eignet sich gut für den Wiedereinstieg in einen bewegteren Alltag. Wassergymnastik, Schwimmen, Nordic Walking, auch Bodengymnastik, Rad fahren und isometrische Übungen, die man auch im Büro, im Auto, im Lift ausführen kann, erfordern wenig Aufwand und dienen der Muskelkräftigung. Wichtig ist, dass die Aktivität schmerzfrei ausgeführt wird. Dafür kann man durchaus die Zeit unmittelbar nach einer Medikamenteneinnahme nützen.

3. Schuhzurichtung

Alle Maßnahmen, die die Bewegung erleichtern und fördern, sollten ergriffen werden. Wichtig ist dabei das Schuhwerk. Die Verwendung von Gummiabsätzen (Pufferabsätzen) kann große Erleichterung bringen, weil damit die vermehrte Belastung auf die tragenden Gelenke des Körpers und die Bandscheiben, besonders im unteren Lendenwirbelsäulenbereich teilweise ausgeglichen und verringert wird.

4. Schmerz- und Funktionsbehandlung der Arthrosen und der Wirbelsäule

Wenn vom Arzt eine Arthrose festgestellt wird, welche mit Schmerzen einhergeht, ist eine medikamentöse Schmerztherapie angesagt. Dabei kommen verschiedene Substanzgruppen in Frage, die jedoch ihr spezifisches Nebenwirkungsprofil haben und daher nicht für alle gleich geeignet sind. Wenn Knorpelschäden bestehen, hat sich auch die Anwendung von Condroitinsulfat und Glucosamin bewährt, Substanzen, welche kaum Nebenwirkungen aufweisen. Eine elegante Methode ist die lokale Zuführung von Stoffen an das Gelenk, aber auch in das Gelenk. Damit kann eine hohe Konzentration des Wirkstoffes am Wirkort erreicht werden, und die Nebenwirkungen auf den Gesamtorganismus können niedrig gehalten werden. Verwendet werden Lokalanästhetika und entzündungshemmende Stoffe (insbesondere Corticoide). Serienmäßig ins Gelenk injiziert werden auch Hyaloronate. Hyaloronsäure ist selbst ein wichtiger Bestandteil der Gelenkschleimhaut und des Knorpels und damit wichtig für die biomechanischen Gleit- und Dämpfungseigenschaften der knorpeligen Gelenkflächen. Für die Hyaloronsäure wurden knorpelschützende, entzündungshemmende und schmerzlindernde Wirkungen nachgewiesen.

5. Physiotherapie

Zur Verbesserung des Krankheitsverlaufs ist die Physiotherapie besonders geeignet. Dazu zählen Gelenksmobilisationen, die Behebung des gestörten Muskeltonus und insbesondere die Kräftigungsübungen. Die Verbesserung der Koordination ist eine weitere wesentliche Aufgabe der Physiotherapie. Die Muskelkraft kann durch spezielle Elektrotherapien gefördert werden. Die Thermotherapie wird entweder als Kältepackung bei akuten Gelenksreizzuständen oder als Wärmeanwendung bei nicht aktiven Arthrosen verordnet.

Auch die Behandlung der durch Übergewicht verursachten Bandscheibenschäden erfolgt ähnlich. Wir führen dabei eine adäquate medikamentöse Schmerztherapie, Muskelaufbau in der Übungsbehandlung (insbesondere Kraft-, Ausdauer- und Koordinationstraining), ergotherapeutische Beratung, aber auch spezielle gezielte Infiltrationstechniken durch. Patienten mit einer unterentwickelten Rumpfmuskulatur neigen zu chronischen Kreuzschmerzen, ebenso wie einseitige Arbeitshaltung, Bewegungsmangel und andere psychosoziale Faktoren dazu führen.

Die Schmerztherapie des Bewegungssystems wird zur ursächlichen Behandlung, denn erst nach ihrer Anwendung kann mit einer Bewegungstherapie begonnen werden, die sich sowohl auf das Bewegungssystem als auch auf das Übergewicht positiv auswirkt. Mit jeder Bewegung und jedem Kilo weniger werden die Beschwerden leichter, und Beweglichkeit wird wieder erreicht. Neben diesen positiven Effekten geht eine Verminderung des Übergewichts noch mit einer Verminderung des Risikos für zahlreiche Folgekrankheiten einher, wie zum Beispiel Herz- und Gefäßerkrankungen, Diabetes mellitus II, Bluthochdruck, erhöhtes Cholesterin und Triglyzeride, Osteoporose, aber auch Brust- und Dickdarmkrebs.

Prim. Univ. Doz. Dr. Martin Friedrich

Geb. 1947, Leiter der Abteilung für Orthopädische Schmerztherapie am Orthopädischen Spital Speising in Wien, Medizinischer Leiter des Center of Excellence for Orthopaedic Pain Management (CEOPS). Als Autor von über 200 wissenschaftlichen Publikationen beschäftigt er sich mit der nichtchirurgischen Behandlung von Störungen des Bewegungs- und Stützsystems, insbesondere mit Schmerzzuständen der Wirbelsäulenregionen sowie mit der Motivation zur konsequenten Durchführung der Heilgymnastik. Mitglied der internationalen Gesellschaft zur wissenschaftlichen Erforschung des Kreuzschmerzes (ISSLS).

Quellenverzeichnis:

Sonne-Holm S et al.: Osteoarthritis and obesity. Ugeskr Laeger. 168(2):187-90, 2006

American Academy of Orthopaedic Surgeons. AAOS clinical practice guideline on osteoarthritis of the knee. AAOS clinical guideline on osteoarthritis of the knee. American Academy of Orthopaedic Surgeons; Rosemont (IL), 2003

Dawson J et al.: An investigation of risk factors for symptomatic osteoarthritis of the knee in women using a life course approach. Epidemiol Community Health, 57(10):823-30, 2003

Jones G: Is a targeted falls prevention program effective in subacute hospital settings? Aust J Physiother, 50(4):257, 2004

Paradowski PT et al.: Similar group mean scores, but large individual variations, in patient-relevant outcomes over 2 years in meniscectomized subjects with and without radiographic knee osteoarthritis. Health Qual Life Outcomes. 2:38, 2004

Manninen P et al.: Overweight, gender and knee osteoarthritis.
Int J Obes Relat Metab Disord, 20(6):595-7, 1996
Felson DT et al.: Understanding the relationship between body weight and osteoarthritis. Baillieres Clin Rheumatol, 11(4):671-81, 1997

Ding C et al.: Genetic mechanisms of knee osteoarthritis: a population-based longitudinal study. Arthritis Res Ther, 21;8(1), 2005

Iabagio H.: Factors affecting radiographic progression of knee osteoarthritis. Acta Med Indones, 36(2):87-92, 2004

Jarvholm B et al.: Age, bodyweight, smoking habits and the risk of severe osteoarthritis in the hip and knee in men. Eur J Epidemiol, 20(6):537-42, 2005

Wendelboe AM et al.: Relationships between body mass indices and surgical replacements of knee and hip joints. Am J Prev Med, 25(4):290-5, 2003

De Filippis L et al.: Epidemiology and risk factors in osteoarthritis: literature review data from "OASIS" study. Reumatismo, 56(3):169-84. 2004

Oliveria SA et al.: Incidence of symptomatic hand, hip, and knee osteoarthritis among patients in a health maintenance organization. Arthritis Rheum, 38(8):1134-41, 1995

Scarlat M et al.: Shoulder function and scores in 180 asymptomatic individuals aged over 75 years. Rev Chir Orthop Reparatrice Appar Mot, 91(6):502-7, 2005

Jonsson E et al.: Collected knowledge about back pain and neck pain. What we know--and what we don't know. Lakartidningen, 1;97(44):4974-80, 2000

Mirtz TA et al.: Is obesity a risk factor for low back pain? An example of using the evidence to answer a clinical question. Chiropr Osteopat, 11; 13(1):2, 2005

Hassett G et al.: Risk factors for progression of lumbar spine disc degeneration: the Chingford Study. Arthritis Res, 48(11):3112-7, 2003

Felson DT et al.: Glucosamine and chondroitin for osteoarthritis: to recommend or not to recommend? Arthritis Care Res, 13(4):179-82, 2000

Felson DT et al.: Use of short-term efficacy/toxicity tradeoffs to select second-line drugs in rheumatoid arthritis. A metaanalysis of published clinical trials. Arthritis Rheum, 35(10):1117-25. 1992

van Gool CH et al.: Effects of exercise adherence on physical function among overweight older adults with knee osteoarthritis. Arthritis Rheum, 15;53(1):24-32, 2005

Christensen R et al.: Weight loss as therapy of knee osteoarthritis in obese patients-secondary publication. Ugeskr Laeger, 6;167(23):2522-6. 2005

Pepe Assistant

Herzlich Willkommen bei KiloCoach™!

KiloCoach™ bietet das Wissen und die Werkzeuge für eine erfolgreiche Gewichtsabnahme. Keine Radikaldiäten, kein Jojo-Effekt – von Krankenkassen empfohlen und wissenschaftlich bestätigt.

7 Tage gratis testen

Berechnen Sie Ihren BMI

kg
cm
Mehr herausfinden

Vorteile

  • Gewicht verlieren ohne Hunger
  • Keine Diätvorschriften
  • Ohne Jojo-Effekt
  • Mit Unterstützung von Experten
  • Motivierende Community
Hier registrieren

Wissenschaftliche Studien

Newsletter abonnieren

Besuchen Sie uns auf Facebook